Konzertreisen Frankreich und Indien 2003

 

 

Konzertreise nach Frankreich 2003

FlaggeFrankreich07.05.2003 - 09.05.2003

Eine historische Gedenkfeier

 

Mittwoch, 07.05.2003

Am 07. Mai 2003 begann die Fahrt des Blechbläserensembles der Modellschule Obersberg und Konrad-Duden-Schule. Pünktlich um 4.45 Uhr morgens wurde der Bus beladen, der an der MSO auf uns wartete. Die 13-stündige Fahrt wurde auf verschiedenste Art und Weise genutzt, d. h. Arbeiten wurden korrigiert, einige schliefen oder redeten mit dem Nachbarn – es war wie immer auf unseren Fahrten eine kurzweilige Angelegenheit. Gegen 18 Uhr erreichte der Bus das kleine Städtchen Changé, ein Vorort von Le Mans, im Nordwesten Frankreichs gelegen. Dort wurden allen Teilnehmern ihre Gastfamilien vorgestellt, und nach einer kurzen Begrüßung fuhren wir mit diesen zum Abendessen, um danach pünktlich um 21 Uhr zur angesetzten Probe zu erscheinen. Letztere bestritten wir gemeinsam mit dem Orchester des Ortes, da einige Stücke zusammen bei den Feierlichkeiten am nächsten Tage aufgeführt werden sollten. Und nach der Probe und langen Fahrt waren alle schließlich froh im Bett zu liegen, nicht ohne jedoch einen völkerverständigenden Umtrunk mit den Gastgebern eingenommen zu haben.

Donnerstag, 08.05.2003

Der nächste Tag war der 08. Mai, an dem man in Frankreich das Ende des Zweiten Weltkrieges feiert und der Gefallenen gedenkt. Wir begannen unser musikalisches Programm mit einem Platzkonzert vor der Kirche von Changé, wo wir hauptsächlich moderne Titel wie „We are the World“, „One Moment in Time“ oder „Down by the Riverside“ zum Besten gaben.

Anschließend in der Kirche ging es weniger ausgelassen, dafür feierlich zu, und im Wechsel mit dem Orchester aus Changé begleiteten wir dencGedenkgottesdienst. Dem Auftritt schloss sich eine kleine Parade an, in der wir mit marschierten und französische Märsche intonierten. Und dann folgte der wohl denkwürdigste Moment dieser Reise: beide Orchester positionierten sich vor dem Ehrenmal für die Gefallenen des zweiten Weltkriegs in der Ortsmitte. Unser Dirigent Ulli Meiß dirigierte die französische und der französische Chorleiter die deutsche Nationalhymne sowie die Europahymne – eine Geste von höchstem Völker verbindendem Wert. Einige Bläser zog es nach diesem offiziellen Teil zum Mittagessen in die Gastfamilien, aber die meisten blieben auf dem Marktplatz und begnügten sich mit einem stärkenden Imbiss. Nach vier Stunden Freizeit, die wir gemütlich in der Sonne saßen, folgten noch drei Platzkonzerte, und der musikalische Teil des Tages war vorbei. Während die meisten den Abend mit guten Gesprächen und gutem Essen ausklingen ließen, zog es andere noch ins Nachtleben von Le Mans.

Den nächsten und letzten Tag in Frankreich gingen wir kulturell an. Auf dem Programm stand die Besichtigung des wohl schönsten Loire-Schlosses, Chambord. Die Landschaft um die Loire übte trotz des schlechten Wetters ihren Reiz auf uns aus, und nach zwei Stunden Fahrt erreichten wir unser Ziel. Vorerst blieben die Instrumente im Bus und das Schloss wurde besichtigt. Beeindruckend war gleich am Eingang eine Treppe, die Leonardo da Vinci extra für dieses Gebäude entworfen hatte. Diese besteht im Prinzip aus zwei ineinander verschlungenen Aufgängen, auf denen man sich weder begegnen noch sehen kann, womit der damalige Schlossherr seiner von ihm nicht geliebten Ehefrau erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Diese Treppe führte allerdings auch dazu, dass unser Vorhaben, geschlossen als Gruppe das Schloss zu besichtigen, scheiterte. Ein Teil ging die rechte, der andere die linke Treppe hinauf, und die Gruppe fand sich erst nach zwei Stunden vollständig am Eingang wieder.

Die malerische Kulisse des Schlosses war dann Schauplatz eines einstündigen Platzkonzertes, das wir zur Freude der zahlreichen Besucher gaben. Am Abend hieß es dann Koffer packen, und nach einer anstrengenden Nachtfahrt erreichten wir am nächsten Morgen wohlbehalten unsere Heimatstadt Bad Hersfeld.

Irene Radick

 

Konzertreise nach Indien 2003

FlaggeIndien28.03.2003 - 11.04.2003

A: Neu Delhi

 

Freitag, 28.03.2003

„Wieso nur liegt Indien so abgelegen?“ – das war die meistgestellte Frage der 26-köpfigen Reisegruppe, die am frühen Vormittag per Bahn Bad Hersfeld verließ, um sich in langsamen Schritten über Fulda und Frankfurt schließlich Neu-Delhi zu nähern. Grund dieser eher ungewöhnlichen Aktion: Ulli Meiß – Chorleiter des Blechbläserensembles der Modellschule Obersberg und Konrad-Duden-Schule – mailte vor knapp einem halben Jahr einfach einmal so in der ganzen Welt herum, um einen musikalischen Schüleraustausch herzustellen. Der Kontakt, der dabei mit der Vidya Devi Jindal School/Hisar in Indien (150 km westlich von Delhi) entstand, erwies sich von Anfang an als zuverlässig, attraktiv und herzlich. Und so wurde seit Beginn des Jahres „verschärft“ geprobt und organisiert, um Deutschland musikalisch und kulturell in weit entfernten Landen gut zu repräsentieren; soweit ein kurzer Einblick in die Anfänge dieses außergewöhnlichen Kontaktes.

Doch zurück zur Reise selbst: Angekommen am Frankfurter Flughafen stelle man sich nun eine Rolltreppe vor, wo nach und nach eine von Alter, Geschlecht und Charakter bunt gemischte Gruppe Jugendlicher und „ausgewachsener Jugendlicher“ hochstolpert und man zwischen Tubakoffer und Schlagzeugequipment oftmals den Musiker selbst als letzten entdeckt. Etwas flau in der Magengegend ob der Dinge, die uns in den nächsten 14 Tagen wohl erwarten würden, gibt uns die positive Resonanz des indischen Bodenpersonals beim Einchecken über so eine ungewöhnliche Konzertfahrt im wahrsten Sinne des Wortes Auftrieb, und so steigen wir am frühen Nachmittag in luftige Höhen auf und verbringen die nächsten 10 Stunden erwartungsvoll in einer Boing 747 der Air India.

Samstag, 29.03.2003

Doch zurück zur Reise selbst: Angekommen am Frankfurter Flughafen stelle man sich nun eine Rolltreppe vor, wo nach und nach eine von Alter, Geschlecht und Charakter bunt gemischte Gruppe Jugendlicher und „ausgewachsener Jugendlicher“ hochstolpert und man zwischen Tubakoffer und Schlagzeugequipment oftmals den Musiker selbst als letzten entdeckt. Etwas flau in der Magengegend ob der Dinge, die uns in den nächsten 14 Tagen wohl erwarten würden, gibt uns die positive Resonanz des indischen Bodenpersonals beim Einchecken über so eine ungewöhnliche Konzertfahrt im wahrsten Sinne des Wortes Auftrieb, und so steigen wir am frühen Nachmittag in luftige Höhen auf und verbringen die nächsten 10 Stunden erwartungsvoll in einer Boing 747 der Air India.

Samstag, 29.03.2003

Moskitos, nervige Kofferträger, undefinierbares Stimmengewirr … und die dreiköpfige Delegation der Vidya Devi Jindal School, die uns herzlich gegen fünf Uhr morgens indischer Zeitrechnung am Flughafen Indira Gandhi empfängt, sind die ersten Eindrücke eines uns völlig fremden Landes, das zu so früher Morgenstunde schon unnatürlich lebendig und wach scheint. Unser größter Wunsch derzeit: das Wachsein kurzzeitig zu beenden und die Zeitverschiebung schnell zu überwinden.

Der Müdigkeit entgegen wirkt allerdings kurze Zeit später eine der kontrastreichstenStadtfahrten, die man sich als gemäßigter Mitteleuropäer vorstellen kann: Wellblechhütten oder Liegen mit schlafenden Menschen, Kühe, die den Verkehr behindern, Hupen ohne Unterlass, sämtliche vorstellbare Tiergattungen am Straßenrand und dann das Hotel Vasant Continental, das uns in vollem Luxus, mit frischem Saft und Blumenketten, Kofferträgern und westlichem Standard erwartet; da tut eine kurze Schlafpause als Aufarbeitungsmöglichkeit sichtbar gut.

Gut gestärkt durch ein gehaltvolles Frühstücksbuffet mit indischem Charakter entdecken wir dann mit Bus und zu Fuß die Hauptstadt Indiens: Delhi. Die Moschee Outub Minar, den Hindu-Tempel Shri Lakshmi Narain, der nur barfuß betreten werden darf, der eindrucksvolle Verbrennungsort Mahatma Gandhis – nun Gedenkstätte – und das Nationalmuseum, das uns Einblicke in die Welt des vergangenen Indiens ermöglicht, sind einige der interessanten Sehenswürdigkeiten, die die Gastgeber für uns herausgesucht haben.

Eine Teppichvorführung mit Teegenuss und viel Handel, ein Mittagessen in einem Restaurant mit viel Reis und leckeren Saucen oder das Erlebnis einer sich um den Hals windenden Schlange bei Flötenmusik sind erste Eindrücke dieser zehn Millionen Stadt. Das rote Fort, vom Mughul Kaiser Sha Jahan erbaut, ist eine weitere wichtige Sehenswürdigkeit des heutigen Tages und lässt den Adrenalinspiegel eines Deutschen auch aufgrund von gigantisch vielen, in Herden auftretenden Bettlern und Händlern etwas in die Höhe schnellen. Bei der Licht- und Tonaufführung über die Stadt Delhi am Abend allerdings verlagert sich die Aufdringlichkeit der Händler auf die der Moskitos und wir überbringen dem Erfinder des Autan-Sprays dankbarst eine Huldigung. All das muss im wahrsten Sinne des Wortes nach einem üppigen Abendbuffet im Hotel erst einmal gut verdaut werden, und so schlafen wir dem nächsten aufregenden Tag entgegen.

 

B: Himalaya

 

Sonntag, 30.03.2003

Allmählich gewöhnen wir uns an den wenigen Schlaf, denn auch heute ist um 5.00 Uhr morgens wieder Abfahrt. Mit dem für eine Woche gemieteten Bus plus eines Busfahrers, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt, sowie seines „Adjutanten“ für den Notfall (das sind im Falle der indischen Verkehrsmittel alle unvorhergesehenen verkehrstechnischen Probleme von abgerissenem Keilriemen bis störrischer Kuh auf der Straße) verlassen wir Delhi und starten zu einer über 13-stündigen Busfahrt Richtung Himalaya. Die Eindrücke, die wir auf dieser Fahrt sammeln, sind gigantisch: vom enormen Verkehrsaufkommen in Delhi mit Händlern und Bettlern, die die Straßenränder säumen, über bäuerliche Gegenden mit Reisfeldern, Kuhfladen-Hütten und unvorstellbar armen Menschen bis zur Himalaya-Gegend mit aufsteigenden Bergen und wesentlich mehr Idylle und Ruhe.

Ein kurzer Mittagsstopp in einem für die Gegend wahrscheinlich schon luxuriösen Hotel lässt uns deutsche Toiletten und einen frischen Schluck Mineralwasser vermissen, und wir lernen sehr schnell, nur verpackte Dinge und gekochtes Wasser anstatt Obst, ungekochte Milch oder Salat womöglich noch im Straßenverkauf zu uns zu nehmen. Umso glücklicher sind wir deshalb darüber, dass wir in dem Bundesstaat Uttaranchal ankommen und die Gastgeber wieder einmal ein tolles Hotel mitten in den Bergen für uns ausgesucht haben. Nach einem kurzen Ausflug in die kleine, noch vom britischen Kolonialstil geprägte Stadt Nainital, wo die Temperaturen aufgrund der Höhenlage den deutschen ähnlich sind, genießen wir indische Köstlichkeiten beim abendlichen Buffet im Hotel und freuen uns, morgen bis 7.00 Uhr „ausschlafen“ zu dürfen.

Montag, 31.03.2003

„Wenn Engel reisen…“ ? Fakt ist jedenfalls, dass die letzten fünf Tage sehr schlechte Sicht im Himalaja herrschte und erst durch das gestrige Gewitter die Sicht völlig klar und wunderschön geworden ist. So wird uns nach zweistündiger Serpentinen-Jeep-Fahrt am Aussichtspunkt Mukteshwar ein gigantischer Anblick geboten: wir selbst befinden uns schon auf 2286 Meter Höhe, doch wenn man in ca. hundert Kilometer Entfernung die 8000-er in blütenweißer Pracht glitzern sieht, ist das Gefühl von Freiheit und Frieden unbeschreiblich, auch wenn uns natürlich allen der Pakistan-Indien-Konflikt, der sich alleine schon um den Besitz dieser Berge abspielt, bewusst ist. Wir liegen hier mit einer Tasse Tee, blinzeln der Sonne entgegen und hoffen, dass der Moment nicht so schnell vorbei geht…

…doch irgendwann geht er natürlich vorbei, und mit dem ständigen Dieselgestank in der Nase (gut, dass wir heute noch kein Konzert haben, denn die Luft würde sonst knapp werden!) schrauben wir uns in unseren Jeeps wieder Richtung Hotel; vorbei an Kindergruppen, die auf ihre Schulbusse warten und in Schuluniformen unseren Weg säumen und das Gefühl einer „heilen Welt“ noch verstärken. Nach dem Essen heißt es wieder „AUF GEHT`S“ ? das berühmtberüchtigte Signalwort unseres Chorleiters – diesmal Signal für alle, die Koffer zu packen, und langsam werden wir geübter und schneller, die Kofferinhalte allerdings auch zunehmend unordentlicher. Außer Kofferpacken haben wir jedoch wenig zu tun, denn als Gast muss man hier weder seinen Koffer aus dem Hotel schleppen noch in den Bus tragen; ein komisches Gefühl, an das man sich erst gewöhnen muss.

 

C: Dschungel

 

Montag, 31.03.2003

Unser Kontrastprogramm führt uns am Nachmittag in ein Safari-Hotel im Jim Corbett National Park – einem Reservat für wildlebende Tiere wie Tiger, Elefanten, Hirsche, Affen und viele andere heimische Dschungeltiere. Das Hotel liegt idyllisch schön an einem Flussbett, die Zikaden zirpen, viele Vögel ziehen ihre Runden und am Eingang der Hotelanlage winkt einem ein riesiger Elefant mit dem Rüssel entgegen. Wenn wir jetzt schon wüssten, dass wir auf diesem nicht nur reiten, sondern auch mit ihm gemeinsam ein Bad nehmen würden, wir hätten alles eher für einen Tagtraum gehalten! Um uns aber heute erst einmal an das „Dschungelfeeling“ zu gewöhnen, sehen wir uns einen Film über den englischen Jäger und Autor Jim Corbett an, der viele menschenfressende Tiger tötete und seine Dschungelerlebnisse niederschrieb. Gesättigt vom reichhaltigen indischen Buffet genießen wir die Abendstimmung im Dschungel und wappnen uns für die morgige Safari.

Dienstag, 01.04.2003

Der ganze Tag ist kein Aprilscherz, auch, wenn es einem bei einzelnen Aussagen an diesem Tag wie „der Elefant schwimmt jetzt mit uns im Fluss“ oder „das ist die Spur eines Tigers“ so vorkommen könnte; aber beginnen wir den Tag chronologisch. Schon vor dem Frühstück starten wir einen spannenden Dschungelspaziergang: wie die Tierforscher ziehen wir hintereinander und mucksmäuschenstill durch den Dschungel und werden dafür mit der Sicht auf Affen, Hirsche, wunderschöne Vögel und Termitenhügel belohnt.

Frisch gestärkt vom Frühstück geht es dann nicht nur um das Beobachten von Tieren,sondern um die Kontaktaufnahme mit einem weitaus größeren Gesellen als wir es sind. Ob es nun Benjamin Blümchen ist oder ein anderer Verwandter seiner Gattung, sei einmal dahingestellt. Fakt ist, dass der gutmütige Elefant, dessen Zuhause ebenfalls die Hotelanlage ist, uns in Kleingruppen durch die Gegend schaukelt und das Gefühl weitaus weniger schlimm ist, als die vielen Schlaglöcher auf unserer Busreise. Daraufhin wird er auch jedes Mal mit leckerem ?Zuckerbrot? belohnt und zeigt uns seine „Rüsselmuskeln“, indem er einige von uns auf seinem Rüssel hochklettern lässt (hätten wir doch nur so ausgeprägte Muskeln im Mundbereich: unser Ansatz wäre auf Jahre hin gesichert!). Die Elefantenfaszination lässt uns noch immer nicht los, und so nehmen wir gemeinsam mit dem etwas borstigen und verdreckten Freund ein Bad im klaren Wasser eines Flusses. Vorteil ist, man hat gleich eine integrierte Elefantendusche!!!

In einer Art „Dschungel-Info-Museum“ informieren wir uns dann schon einmal theoretisch über die Dinge, die uns in den nächsten Stunden bei der Dschungelsafari erwarten werden. Ausgestattet mit Fernglas, Fotoapparat und Sonnencreme (mittlerweile ähneln nämlich einige Bläser dem Aussehen von Rotkopfäffchen!) beginnt eine witzige Jeep-Tour durch den Jim-Corbett-National-Park, und auch wenn die Tiger sich eher zurückhaltend im Erscheinen zeigen, sehen wir viele für uns interessante Tiere, wobei der Jeep-Fahrer sich innerlich bestimmt über unsere vielen „Stop“- oder „Wait“-Rufe köstlich amüsiert.

Tatsächlich kehren wir anschließend alle lebend aus dem Dschungel zurück, und das ist auch nötig, denn unsere Besetzungsliste wäre sonst völlig über den Haufen geschmissen! Nach einigen übungsfreien Tagen sind wir richtig „heiß“ aufs Spielen, denn erste Entzugserscheinungen nach täglichem ßben vor der Fahrt machen sich nach fünf Tagen „Spielabstinenz“ allmählich breit. Irgendwie erscheint es unrealistisch, als wir am Abend in der afrikanisch angehauchten Hotel-Empfangshalle sitzen, in deren Mitte die Feuerstelle entfacht wird und wir nun ein kleines Konzert geben. Zur Zeit sind nicht viele Hotelgäste da, doch als „Eingewöhnung“ für die nun folgenden Auftritte ist dies hier genau der richtige Rahmen. Ein leckeres Abendbuffet lässt den Abend nett ausklingen, wobei bei den ersten aus unserer Gruppe ab heute ein leichtes bis stärker werdendes Magengrummeln und ßbelkeitsgefühl aufkommt, das man noch nicht so recht zu deuten weiß?

 

D: Agra

 

Mittwoch, 02.04.2003

Es ist ein Tag, den wir aus unseren Erinnerungen wohl ganz schnell streichen würden, denn die heutige über zwölfstündige Fahrt nach Agra ist in Sachen Übelkeit, Fieber, Bauchschmerzen und Durchfall nicht zu übertreffen. Irgendwie besitzt das Land Indien eindeutig zu wenige bzw. zu wenig passierbare Toiletten, und so sind wir dankbar, als nach einigen Stunden Fahrt eine Fabrik für uns ihre Tore öffnet und wir deren Toilette benutzen dürfen. Generell wirkt der Aufenthalt hier und überhaupt in dieser Gegend auf uns befremdlich und macht uns unsicher, überall werden wir förmlich „angestarrt“ und sonderbar gemustert. Hinterher sind wir schlauer, als wir von unseren Gastgebern erzählt bekommen, dass die Menschen hier noch nie weiße, mitteleuropäische Menschen wie uns im direkten Gegenüber gesehen haben.

Jedenfalls sind wir froh, unsere „Odyssee ins Ungewisse“ fortsetzen zu können, immerwieder kurz unterbrochen durch die Auswirkungen unserer Magen- und Darmirritationen, wobei hier auf detaillierte Beschreibungen verzichtet werden soll. Selbst die hartgesottensten Photographen unter uns lassen nach und nach vom Bilder knipsen ab, und auch die Stimmungslieder der „Mutmacher“ unter uns verstummen allmählich. Wir sind einfach nur heilfroh, das Jaypee Palace Hotel in Agra zu erreichen, wo wir sogleich von einem indischen Arzt versorgt werden und nun neben dem Autan-Spray einen neuen Produkthelden ernennen können: die indischen Antibiotika!

Donnerstag, 03.04.2003

Wie schön kann das Leben sein, wenn Übelkeit und Bauchschmerzen nachlassen! Die Inder werden nun sicherlich glauben, Deutsche ernähren sich lediglich von Zwieback, trockenem Brot und schwarzem Tee, denn das sind die „Renner“ an diesem Morgen ungeachtet eines fünf-Sterne-Frühstücksbuffets – welch Schande! In dezimierter Besetzung schauen wir uns am Vormittag die verlassene Stadt Fatehpur Sikri an, die Kaiser Akbar 1569 zum Dank für seinen neugeborenen Sohn als neue Residenz bauen ließ, die aber aus Wassermangel schnell ihren Untergang fand, jedoch noch immer ein großartiges Architekturdenkmal darstellt.

Den Besichtigungspunkt am Nachmittag aber lässt sich trotz Magen-Darm-Grippe niemand entgehen: das Taj Mahal. Schon von weitem begrüßt es uns in seiner vollen Schönheit, hinter den langgestreckten Wasserbecken des Gartens wirkt das marmorweiße Mausoleum märchenhaft schön und erhaben. Shah Jahan ließ das Grabmal für seine Lieblingsfrau Mumtaz-i-Mahal errichten, nachdem diese bei der Geburt ihres 14. Kindes gestorben war. Nach vielen Gruppen- und Einzelphotos und geschichtlichen Erklärungen zu Indiens berühmtesten Bauwerk und Kulturdenkmal lassen wir die Schönheit des Taj Mahal einfach auf uns wirken und genießen den Augenblick.

Allzu lange Zeit zum Träumen bleibt allerdings nicht, denn um 19.00 Uhr soll unser erstes „richtiges“ Konzert in unserem gigantischen Hotel stattfinden; mit sichtlichen Orientierungsproblemen aufgrund seiner Ausmaße hat man gar Schwierigkeiten, den Konzertsaal zu finden. Ob das den Indern auch so geht oder so manche Zeitauffassung etwas von der unseren differiert, lassen wir jetzt mal dahingestellt – das Konzert beginnt jedenfalls etwas später und mit jedem Stück füllt sich der Raum ein wenig mehr. Es ist interessant zu beobachten, wie unnatürlich und ungewohnt unsere Musik auf die indischen Zuhörer wirkt; sie sind verunsichert, wie sie uns Lob und Anerkennung für die dargebotenen Musikstücke entgegenbringen sollen, wissen nicht genau, wann ein Stück beendet zu sein scheint und haben Probleme, den Charakter der Stücke zu interpretieren – aber – und das ist das Enorme: sie hören interessiert zu und sind am Ende begeistert. Selten kamen so viele Menschen nach einem Konzert völlig offen auf uns zu und dankten uns oder stellten Nachfragen.

Überaus glücklich werden wir nun zu einem gigantisch aufgebotenen Buffet mit sämtlichen indischen Köstlichkeiten geladen, die man sich nur vorstellen kann; allerdings beschränkt sich die Nahrungsaufnahme auf Anraten des Hotelarztes bei vielen noch fast ausschließlich auf Reis und Brot. Ein entspannter Abend mit Billard, Bowlen und Disco bringt uns die nötige „Bettschwere“, und in solch luxuriösen Hotelzimmern ist ein erholsamer Schlaf nicht schwierig.

 

E: Hisar

 

Freitag, 04.04.2003

 

Kein offizielles Programm am Morgen – das tut der Seele mal so richtig gut und so genießen wir die Sonne am Pool, den majestätisch anmutenden Hotelbau und das gute Essen, das uns allmählich wieder zu schmecken beginnt, bevor wir am Nachmittag den Weg nach Hisar antreten und dort am späten Abend sehr gespannt ankommen, denn der zweite Teil unserer Reise – ein Leben in Schule und Gastfamilien – ist nun angebrochen.

Die Vidya Devi Jindal School ist ein reines Mädchen-Internat mit über 850 Schülerinnen zuzüglich dem Lehrpersonal. Herzlich werden wir in der Schule empfangen und sofort wie Freunde begrüßt. Selbst die Autos der Gastfamilien – alles Lehrer, die selbst auf dem Campus wohnen – sind mit unseren Namen geschmückt und wir wissen gleich: hier können wir uns wohlfühlen! Auch die Unterkünfte unserer Mädchen im Sarogini-Haus, eines von mehreren Wohnhäusern für die Schülerinnen, sind liebevoll vorbereitet. Ein wenig fühlt man sich wie bei „Harry-Potter“, als wir dort einziehen, mit einer riesigen selbstgemalten Begrüßungskarte mit Hauswappen empfangen werden und erfahren, dass es hier zwischen den einzelnen Häusern viele Wettbewerbe zum Jahresende gibt. Und ganz ehrlich gesagt: ein bisschen was von Zauber hat diese Welt, in der uns alle Wünsche fast von den Lippen abgelesen werden auch. Einer dieser Wünsche ist heute Abend ein Bett, und mit dem Geräusch von Ventilatoren und surrenden Moskitos schlafen wir dem Schulleben entgegen.

Samstag, 05.04.2003

Ein Speisesaal mit 850 Schülerinnen in englisch angehauchter Schuluniform und wir 26 Deutsche mittendrin – nein, mittendrin kann man es eigentlich nicht nennen, denn von Anfang an merken wir, dass wir hier als Gäste eine ganz besondere Position einnehmen und bevorzugt behandelt werden. Eigentlich wollen wir das gar nicht, doch die indische Gastfreundlichkeit sieht es so vor und wir erleben auch in den nächsten Tagen keinerlei Form von Neid oder Missgunst, sondern Neugier, Interesse und Herzlichkeit, was uns sehr imponiert.

Eine beeindruckende Begrüßung mit Blinis (Punkt auf der Stirn als herzliche Gastbegrüßung), rotem Teppich, Begrüßungsgeschenken, Gesang und Tanz wird uns geboten, und wir sind erschlagen von der Herzlichkeit, die man uns entgegenbringt. Lehrer und Schüler sind sehr stolz, uns heute ihre Schule einschließlich Freizeitmöglichkeiten und Internat zu zeigen, und so prasseln die Eindrücke von den einzelnen Unterrichten, der Essenszubereitung, den Schlafräumen etc. nur so auf uns herein, und wir nehmen abermals staunend und fast ungläubig die zwei Welten, Gesichter zur Kenntnis, die Indien zu bieten hat: kurz hinter den Campustoren sieht man kaum Frauen und Mädchen auf den Straßen, ihr Leben ist vorprogrammiert als unterwürfig, arbeitsreich, arm und hart. Hier aber wird eine Gruppe von Mädchen zu selbstbewussten, intelligenten und gleichberechtigten Frauen erzogen, die ihren Weg machen werden und das Glück hatten, in besser gestellte Familien hineingeboren zu sein. Die Vidya Devi Jindal School setzt im ßbrigen ihren Schwerpunkt in der Ausbildung sowohl auf Tradition und Religion wie auch auf Fortschritt und westliche Orientierung.

Diese westliche Orientierung ist seit dem heutigen Tage auch nach außen hin durch einen weiteren, neu geschaffenen Tatbestand deutlich sichtbar: durch die“Bad-Hersfeld-Avenue“, die seit heute die Schulhäuser mit denen der einzelnen Lehrerhäuser verbindet und an deren Rand 26 Bäume mit signierten Namen von uns stehen, denn diese dürfen wir in heißer Mittagsstunde als „Schattengewächse“ (man kennt die Deutschen schon ganz gut!) pflanzen. Zur Abkühlung verbringen wir die nächsten Stunden bei einer langen Probe im Auditorium, dessen Ventilatoren wir uns loben. Mit der Dauer der Probe aber wird uns dennoch zunehmend heißer, da wir alle wissen, dass wir in den nächsten Tagen bei den Konzerten gute Qualität abliefern müssen. Heute aber heißt es am Abend noch mal: genießen! Denn die indischen Gastgeber bieten uns ein mit viel Liebe ausgewähltes Programm mit tollen Musik- und Tanzvorführungen und wunderschönen Kostümen. Eingeladen von der Schulleiterin, genießen wir in deren Garten im Anschluss daran ein leckeres „Dinner“ und fühlen uns hier herzlich aufgenommen.

Sonntag, 06.04.2003

„Volkslieder, lateinamerikanische Stücke, Nationalhymnen, klassische Werke…“ – alles querbeet ist heute morgen bei unserer Probezu hören, wobei es sich als schwierig erweist, den eigens für diese Fahrt „nachkomponierten“ „Schoolsong“ unserer Gastgeberschule zu proben, da die Ohren der indischen Schülerinnen, die heute, am Sonntag, schulfrei haben, überall sind. Und wir würden dieses Lied doch so gerne als ßberraschungsgeschenk beim 1. Konzert präsentieren wollen! So beschränken wir uns auf ein „theoretisches Notenbild-Erfassen“ dieser ßberraschung und düsen anschließend mit dem Schulbus Richtung Hisar in einen Einkaufsmarkt oder nennen wir es „Tante-Emma-Laden“, wo uns Viina und Rittika – unsere beiden Hauptansprechpartnerinnen während des Austausches – geduldig erklären und beraten, was denn zu kaufen sinnvoll sei, denn die Menge an diversen Gewürzen ist einfach nicht überschaubar.

Nach gutem Essen und kalorienverbrauchendem Basketballspiel bleibt uns etwas Freizeit auf dem Schulgelände, wobei es schier unmöglich erscheint, auch nur eine Postkarte in der hintersten Ecke des Schulgeländes zu schreiben, ohne dass man von einer Gruppe von jüngeren Schülerinnen umringt wird und zahlreiche Diary- und Poesiealbums-Einträge verrichten muss. Doch auch das ist eindeutig ein Zeichen der herzlichen und schnellen Akzeptanz, und so werden während dieser Reise eben weniger Postkarten verschickt als sonst.

Unser Konzert am Abend, bei dem wir die Kleiderordnung zugunsten des Sakkoverzichts geändert haben (kleine Anmerkung: Deutschland -8 Grad Celsius; Indien +32 Grad Celsius), wird mit Begeisterung belohnt. Viele Ehrengäste sind gekommen und die Stimmung steigt zum Höhepunkt, als die indische Tanzgruppe zu den von uns gespielten Stücken „Can you feel the love tonight?“ und „We are the world“ ihre Tänze aufführen bzw. das Stück „Heal the world“ von der Schlagzeugerin der Schule und den Musiklehrern als Percussion-Gruppe begleitet wird. Als wir zum Ende den School-Song „enthüllen“, tobt das Auditorium, und wahrscheinlich haben die 850 Schülerinnen noch nie so laut ihren School-Song gesungen. Der Abend klingt wieder einmal im Garten eines Lehrers mit gutem Essen aus, wobei die deutschen Mädels noch spät abends heimlich zur Anprobe der Schuluniformen verschwinden – ßberraschungen haben ja bekanntermaßen in Indien Hochkonjunktur!

Montag, 07.04.2003

Deutsche Frauen scheinen einen anderen Körperbau als Inderinnen zu besitzen- die Uniform drückt und zwickt jedenfalls mächtig und auchdas Binden der Schulkrawatte erweist sich als nicht allzu einfach. Dies jedenfalls sind die ersten Eindrücke, als wir (die Mädchen der deutschen Gruppe) uns die geliehenen indischen Schuluniformen überziehen. Tapfer marschieren wir dann ins Auditorium ein und dürfen als Belohnung auch gleich auf der Bühne bei der morgendlichen Versammlung der 850 Schülerinnen bei der Begrüßungshymne mitsingen. Es folgen Vorträge in englischer Sprache von jeweils einem deutschen und einem indischen Schüler, heute über das Thema „Geographie und Wetter“ in Deutschland. Gleich anschließend schwirren wir jeweils zu dritt in einzelne Klassenräume und gestalten eine Schulstunde mit, indem wir Instrumente erklären oder die Schülerinnen versuchen lassen darauf zu spielen oder wir von Deutschland erzählen beziehungsweise von unseren Eindrücken, die wir bisher in Indien sammeln konnten. Die Schülerinnen sind enorm interessiert und dabei diszipliniert und es macht Spaß, hier für kurze Zeit die Lehrerrolle einnehmen zu dürfen.

Dann jedoch wird’s ernst: die Workshops „Indischer Tanz“ bzw. „Indische Musik“ beginnen, und das heißt Konzentration, denn gerade in Sachen Bewegung und Körperbeherrschung haben uns die indischen Schülerinnen einiges voraus, so dass wir diesen beim Zusehen unserer ersten Bewegungselemente sicherlich wie eine Herde sich bewegender Elefanten vorkommen – egal: wir selbst haben jede Menge Spaß, besonders, weil einige unserer mutigen deutschen Männer nicht die Flucht ergreifen, sondern uns Mädels beim Tanz beistehen. Die andere Hälfte der Gruppe lernt indische Trommellieder und singt Hindi-Lieder, so dass man in den nächsten Tagen des ßfteren irgendwelche Leute mit mysteriösen Liedtexten, deren Inhalt uns wahrscheinlich immer verborgen bleiben wird, durch die Gegend laufen und diese auswendig lernen sieht, während andere sich zu „Zimmerveranstaltungen“ treffen, um einzelne Schrittkombinationen zu automatisieren.

Ein kultureller Schock ereilt uns am Nachmittag beim Besuch des Agroha Tempels, einem für Hindus sehr wichtigen Tempel, der nach deutschem Maß vor Kitsch und schlimmsten Farbkombinationen nur so strotzt und eher an einen Freizeitpark als eine religiöse Stätte erinnert. So unterschiedlich können also Brauchtum und Geschmack sein, und es ist gut, das zu erfahren. In der Schule erwartet uns heute Abend eine tolle Pool-Party mit den etwas älteren Schülerinnen der Schule. Vier vorher festgelegte deutsch-indisch gemischte Gruppen müssen witzige Aufgaben erfüllen wie z.B. Kartoffeln schälen, Gewürze sortieren, Wasser per Löffel in eine Glasflasche füllen, Sarees zusammenlegen etc., und zum Ende gibt es zahlreiche Siegerehrungen und Gewinne. Es wird viel getanzt, gegessen, erzählt und gelacht, und es bleibt uns unerklärlich, wie die indischen Schülerinnen am nächsten Morgen um 5.30 fit zum Frühsport antreten können.

Dienstag, 08.04.2003

Allmählich gewöhnen wir uns an den Schulalltag: Frühstück, morgendliche Versammlung diesmal mit dem Themenschwerpunkt“Bräuche und Feste“ und danach eine Stunde „Unterricht“ in den Klassen. Doch heute lernen nicht nur wir bei den Workshops „Indischer Tanz“ und „Indische Musik“ von den Indern, sondern diese dürfen sich ebenfalls in den vier verschiedenen Workshops „Trompete spielen“, „Musikgeschichte“, „Singen“ und „Deutscher Volkstanz“ austoben und schlagen sich dabei enorm gut; besonders das Einstudieren des Liedes „Du, Du liegst mir im Herzen“ mit all unseren Konsonanten und Vokalen ist für die indischen Schülerinnen eine echte Herausforderung. Genauso eine Herausforderung ist allerdings für uns der Nachmittag, an dem wir indisch kochen lernen, die wichtigsten indischen Gewürze näher gebracht bekommen und uns zu guter Letzt in Saris und Turbanen wieder finden, deren Wickeln und Schlingen eine Wissenschaft für sich ist. Mit all diesen neuen Erfahrungen starten wir mit dem Schulbus zur benachbarten Jindal Modern School, wo wir heute ein Konzert im Freien geben, was sich aufgrund von einsetzender Dunkelheit, herumschwirrenden Moskitos und aufkommenden Wind als etwas schwierig erweist, jedoch mit großem Applaus aufgenommen wird.

Mittwoch, 09.04.2003

Versammlung mit dem Themenschwerpunkt ?Schulsystem in Deutschland?, Besuch der einzelnen Klassen, und dann steht ein weiteres Highlight an, das die Schule sich ausgedacht hat: ein Denkmal zu Ehren dieser deutsch-indischen Freundschaft mit der Eingravur all unserer Namen wird errichtet und spiegelt mit seinen Symbolen das wider, was mit solchen Austauschprogrammen wie diesem erreicht wird: Toleranz und Akzeptanz, das Entstehen von Freundschaften. Es folgt ein letztes Feilen an den einzelnen Workshop-Arbeiten, dann wird es ernst, denn am Abend werden neben einem Konzert auch die einzelnen Workshops ihre Arbeiten vorstellen. So kommt es, dass einige von uns Stunden in dem Tanzkleiderfundus der Inder verbringen und schier verzweifeln, weil sie keine passenden Kostüme finden, und andere Ensemblemitglieder indische Weisen summend oder „Du, Du liegst mir im Herzen“ schunkelnd durch das Schulgelände laufen.

Donnerstag, 10.04.2003

Der Abend jedenfalls ist grandios: Als wir Deutschen elefantenhaft versuchen, die grazilen Tanzschritte auszuführen, muss es ein Bild zum Schießen sein!!! Unsere Kostüme jedenfalls sind eindrucksvoll, wobei das enorme Schminken, das so ein Leben als Tänzerin wohl mit sich bringt, etwas kontraindiziert zum Spielen eines Blasinstrumentes ist, denn der Lippenstift ist zu glitschig, als dass ein guter Ansatz möglich wäre! Auch „unsere Jungs“ schlagen sich fabelhaft bei ihrer eindrucksvollen, an einen Seeräubersong erinnernden Darbietung, so dass die Zugabe-Rufe und Standingovations des indischen Publikums wirklich berechtigt sind. Doch auch unser anschließendes Konzert wird mit so viel Applaus quittiert, dass auch für die Zugaben noch genug Kraft bleibt. Ein wenig als Star kommt man sich dann schon vor, wenn man nach dem Konzert zahlreiche Autogramme geben und Photos mit einzelnen Schülerinnen machen soll; prinzipiell ist es einfach schön, soviel Freude an unserer Musik erleben zu dürfen.

 

Die heutige „Cross-Cultural-Veranstaltung“ nimmt den ganzen Vormittag ein und ist von so vielen herzlichen Momenten erfüllt, dasses schwierig ist, dies jetzt im Nachhinein in Worte zu fassen. Nach der ?normalen? Versammlungszeremonie mit einem Vortrag über deutsche Geschichte schildert jeder der deutschen Austauschschüler seine Eindrücke und Erfahrungen, die er/sie in den letzten zwei Wochen sammeln konnte, und es ist erstaunlich, wie schnell und gut man sich daran gewöhnt hat, dies auf englisch zu tun. Zahlreiche Gastgeschenke wie Bücher über Deutschland und die Stadt Bad Hersfeld, ein Grimms Märchenbuch für die Bücherei und die Flagge des Landkreises Hersfeld-Rotenburg werden der indischen Schulleiterin überreicht. Doch auch wir werden reichlich beschenkt mit Bildern, selbst angefertigten Bläserstatuen, selbstgestickten Bildern und Puppen in Schuluniform und sind gerührt.

Lange Zeit zum Verarbeiten dieser tollen Eindrücke bleibt jedoch nicht, denn die Stadt Hisar in ihrem Verkehrschaos und bunten Getümmel zieht uns bei einer Einkaufsfahrt in ihren Bann. Wir lkappern nach und nach einzelne Geschäfte ab, wobei diese in Deutschland ihren Namen „Geschäft“ oft nicht verdienen würden. Die indischen Lehrerinnen handeln für uns und diskutieren, denn das Stigma Europäer bedeutet oft: doppelter Kaufpreis der Produkte.

So kommen wir recht „wuselig“ wieder in der Schule an, wundern uns schon, warum der Schulhof mit vielen Lichtern geschmückt ist und merken beim Näherkommen, dass mal wieder ein Höhepunkt den anderen jagt und dies hier eine gigantische Abschiedsfeier uns zu Ehren ist. Gutes Essen, viele Photos, Geschenke, Musik, Diarys – um nur einige Stichworte dieser letzten Stunden zu nennen. Das bedeutet allerdings auch, dass wir in Windeseile unsere Koffer packen bzw. Koffer quetschen müssen, denn diese haben sich während des Indien-Aufenthaltes zunehmend gefüllt. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass wenig Zeit für Abschiedsschmerz bleibt, denn sonst hätte sich die Verabschiedung sicher noch um Stunden hinausgezögert. Ein letztes Mal viele Hände schütteln, den einen oder anderen liebgewonnen Menschen drücken und winkend mit bewaffnetem Begleitschutz und einigen abgeordneten Lehrerinnen verlassen wir die Vidya Devi Jindal School, die uns für eine Woche eine herzliche Unterkunft war.

Die Fahrt zum Flughafen nach Neu-Delhi zeigt gewisse Parallelen zur Horrorfahrt nach Agra; glücklicherweise halten sich die Opfer von ßbelkeit und Erbrechen im Rahmen und so erreichen wir nach längerer Busfahrt den Flughafen Indira-Gandhi, wobei die Spannung noch etwas dahingehend erhalten bleibt, ob alle „Hinflieger“ tatsächlich auch zu „Rückfliegern“ werden, denn Malte hat sein Ticket plus Pass gut im Koffer versteckt, entscheidet sich aber dann doch noch, es zu finden und uns nach Deutschland zu begleiten. Wir müssen viel zu schnell Abschied nehmen von unseren Freunden und checken erst einmal ein, bevor wir uns irgendwo im Flughafen für eine Weile zur Ruhe mit Flughafencharakter betten können.

Freitag, 11.04.2003

Um 7.00 Uhr morgens indischer Zeit startet der Flieger der Air India Richtung Frankfurt, und da wir heute tagsüber fliegen, bietensich uns tolle Bilder aus dem Flugzeugfenster. Neun Stunden Flug kommen einem nach den indis

chen Busfahrten fast nichtig vor und so landen wir alle erstaunlich fit aussehend um 13.00 Uhr auf dem Flughafen Frankfurt/Main, freuen uns, als auch die Tuba irgendwann auf dem Gepäckband auftaucht und alle Instrumente da sind und werden von Mal zu mal schneller und geschickter beim Einladen von viel Gepäck in enge S-Bahnen oder Züge. Kurzzeitig sitzen wir dann auch einmal in einem Zug nach Heidelberg, der natürlich nicht über Bad Hersfeld fährt, und wünschen uns zurück nach Indien, wo uns die netten Hotelbediensteten jetzt bestimmt beim Ein- und Ausladen geholfen hätten. Doch die Realität hat uns wieder: die Koffer werden von eigener Hand ausgeladen, und tatsächlich schaffen wir es auf all diesen Umwegen, gegen 17.00 Uhr in Bad Hersfeld anzukommen.

Eine wundervolle Reise liegt hinter uns mit enorm vielen Eindrücken, die alle erstmal verarbeitet werden müssen. Selbst die vielen Photos und Berichte, Postkarten und Andenken können nur einen Bruchteil unserer gesammelten Eindrücke wiedergeben. Eins steht fest: die vielen Stunden, die wir geprobt, sortiert, komponiert und organisiert haben, wurden uns hier um ein Vielfaches entlohnt. Besonders Ulli Meiss, dem Leiter des Blechbläserensembles und all seinen Helfern und Helfershelfern ein riesiges Dankeschön für die vielen Stunden, Tage und Nächte des Organisierens, die es erst möglich machten, dass so eine tolle Fahrt stattfinden konnte!

Bianca Nolte